Schon halb sechs und noch immer keine Vision!

Schon halb sechs und noch immer keine Vision

Ja, das ist keine einfache Sache mit der Innovation und der Kreativität und dem, was da so alles gefordert wird. „Schon halb sechs und noch immer keine Vision!“, so empörte sich unlängst nur halb scherzhaft eine Führungskraft in einem unserer Workshops. Tja, wieso denn nur nicht? Stand denn nicht die Vision für 17.00 Uhr in der Agenda? Schlechtes Zeitmanagement oder woran lag es?

Wann und wie kommen Visionen, Innovationen zustande? Was fördert, was hindert? Sind es die Strukturen in einem Unternehmen oder liegt es einfach an den richtigen Menschen (und woran erkennt man dann die falschen?)?

Die Antwort liegt, wen wundert’s, wie fast immer in der Mitte.

„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem ein Schaf sein.“, sagte Albert Einstein. Wir wissen, wie die nicht angepassten Schafe aussehen: schwarz. Die fallen dann auf, ganz ohne Zweifel. Und dies ist die erste Hürde: Um innovativ zu sein, muss der Mensch zuerst etwas nicht mehr sein – er kann nicht mehr „normal“ sein. Gedanken, Ideen, Vorschläge, Verhalten entsprechen nicht mehr der Norm, dies ist die Voraussetzung von Innovation – alles andere ist „mehr von demselben“. Um die Abweichung von der Norm denken und vertreten zu können, braucht die Person Selbstbewusstsein, (Selbst-) Vertrauen, Rückgrat und u. U. ein dickes Fell – je nachdem, ob sie sich in einem innovationsfreundlichen oder eher -feindlichen Umfeld befindet. Wie begegnen Kolleginnen und Kollegen, wie begegnen Führungskräfte den ‚unnormalen‘ Ideen? Wertschätzung oder Geringschätzung? Spinner oder Visionär? Ein Dankeschön für den Denkanstoß oder einen Tritt für Vergeudung von Arbeitszeit?

Wer erkennt das Potenzial der Idee?

  • „640 kB sollten für jeden reichen.“: Bill Gates, Gründer von Microsoft, 1981
  •  „Kein Privatmann braucht zu Hause einen Computer.“: Ken Olson, Präsident von Digital Equipment, 1977
  •  „Ihr Sound gefällt uns nicht und Gitarrenmusik kommt sowieso aus der Mode.“: Decca Recording Company zur Ablehnung der Beatles, 1962.

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen und ist recht vergnüglich zu lesen – allerdings nur aus der Rückschau und für den nicht Beteiligten. (zitiert nach: Stephen Lundin, Cats, Redline Verlag, 2009) Wer hätte sich noch vor einigen Jahren vorstellen können, dass mittels Facebook und Twitter ganze Revolutionen vorangetrieben werden?

Was braucht es, um innovative Ideen zu generieren, was braucht es, um sie zu erkennen? Die größte Hürde scheint uns heute die Zeit zu sein: Kreativität braucht Zeit im Sinne von Muße, Muße auch, um Ideen reifen zu lassen, sie immer wieder hin und her zu wenden. Arbeiten Sie in einer Organisation, einem Unternehmen, die bzw. das Strukturen dafür bereit stellt? Erfolgreiche Beispiele haben wir z. B. bei der großen Telekom kennen gelernt, aber auch durchaus in kleinen Bildungseinrichtungen. Wer will, kann sie schaffen, die festen Orte und Zeiten für „Was wäre, wenn“. Führungskräfte, die Innovation als Arbeitsleistung einfordern und ihren Wert einzuschätzen wissen, sollten dafür auch Zeit, Raum, Gelegenheit und eine bejahend gelebte Kultur anbieten.

Und wenn dann noch Menschen dazukommen, die Träume als Voraussetzung für Tun anerkennen, die Spaß an Irritationen, Denkaufgaben, „verrückten“ Perspektiven haben und den Mut, die Anerkennung dafür einzufordern, das Rückgrat, ihre Ideen anderen anzuvertrauen und das Selbstbewusstsein, dafür zu kämpfen – dann klappt’s auch mit der Vision … wenn’s auch trotzdem mal halb sieben werden kann.