Ein Interview mit Prof. Dr. Reto Eugster, Erziehungswissenschaftler, Schwerpunkt Beratung und Medien, Leiter des Weiterbildungszentrums der FHS St.Gallen

Die Anforderungen an Unternehmen, ethisch zu handeln, nehmen zu. Weshalb?

Eugster: Ich führe das auf die zunehmende Riskanz von Entscheidungen zurück. Die Wissens­vermehrung erweitert gleichzeitig den Horizont des Nicht-Wissens. Ein befreundeter Neurologe erklärte mir letzthin: "Gerade wenn ein MRI diagnostisch ergiebig ist, wirft es mehr Fragen auf als es Antworten gibt. Ich musste lernen, vor dem Hintergrund offener Fragen zu entscheiden."

Berchtold: Eine riskante Angelegenheit?

Eugster: Eine Situation, in der man nicht zwischen Risiko und Sicherheit, sondern lediglich zwischen Risiko und Risiko wählen kann, zwischen dem einen oder dem anderen.

Berchtold: Es braucht Entscheidungskriterien. Liefert Ethik diese?

Eugster: Richtiges Entscheiden bedeutet hier, richtig begründetes Entscheiden. Ethik verstehe ich als Reflexionsfläche, um Ansprüche des richtigen Entscheidens zu reflektieren. Ethik bietet dazu Methoden. Sie enthebt Begründungen dem Verdacht, bloßes Moralisieren zu sein.

Berchtold: Sie sind in der Ausbildung von Beraterinnen und Beratern tätig. Gibt es eine "Beratungs­ethik"?

Eugster: Das Beratungsgeschäft ist insofern ein Entscheidungsgeschäft, als Kunden dabei unterstützt werden, ihre Entscheidungen zu treffen. Dies bedeutet, es auszuhalten, dass im Grundsatz nicht mein Entscheiden gefragt ist, sondern die Unterstützung beim Abwägen von Optionen.

Berchtold: Weshalb braucht es bei diesem Abwägen Ethik?

Eugster: Ethik schützt vor bloßem Moralisieren. Methoden der ethischen Entscheidungsfindung sind Aspekte einer umfassenden Entscheidungsmethodik. Wissenschaft übrigens schützt vor dem bloßen Gerücht.

Berchtold: Kann ein Fazit sein, dass Unternehmen verstärkt Entscheidungskompetenz brauchen und dabei Ethik eine wichtige Rolle spielt?

Eugster: Entscheidungskompetenz halte ich für ein kostbares Gut in Unternehmen. Damit verbunden ist ein zweiter Kompetenzbereich, die Konfliktkompetenz. Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Komplexität, expandierender Riskanz und Begründungspflicht werden erfolgreiche Unternehmen in diese beiden Kompetenzbereich investieren müssen.

Berchtold: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Dr. Eugster!