Innovation - Pflicht oder Kür?

Interview mit Herrn Helmut Schaller, Geschäftsführer Technik, bei der Krombacher Brauerei

Berchtold: Herr Schaller, laut Siegener Zeitung hat Ihr Unternehmen trotz „Bierkrise“ auch in diesem Jahr erneut kräftig zugelegt. Was spielte aus Ihrer Sicht die entscheidende Rolle für diese Absatzsteigerung?

Schaller: Die Steigerung konnten wir durch den Einstieg in neue Märkte generieren: Als einer der ersten Markenpilsbrauereien sind wir bei rückläufigem Biermarkt konsequent in andere Getränkeprodukte eingestiegen: Biermischgetränke und vor allem in den stetig wachsenden Markt alkoholfreier Getränke wie „Alkoholfreies Pils, Weizen und Radler“.

Berchtold: Die Fähigkeit Innovationen hervorzubringen macht auf einer Skala von 1 bis 10 einen wie großen Anteil am Erfolg des Unternehmens aus?

Schaller: Innovation ist ein großes Wort. Was kann das bezogen auf unser Unternehmen überhaupt bedeuten? Bier lässt sich nicht neu erfinden – da setzt das deutsche Reinheitsgebot enge Grenzen und das finden wir auch gut so! Wir sind kein Technologieunternehmen, wir sind nicht in der Elektrobranche: Wir erfinden keine neuen Maschinen, wir setzen sie nur ein. Innovation möchte ich in unserem Kontext eher als Anpassung oder genauer: als Wandlungsfähigkeit definieren.

Berchtold: Sie sagen, sie „setzen neue Maschinen nur ein“ – braucht es dafür nicht auch ein Gespür für Innovationen?

Schaller: Sehen Sie, wir sind oft nicht unbedingt die ersten, die etwas machen, was machbar ist. Manchmal warten wir bewusst ab, weil unser Anspruch darin besteht, ein neues Produkt in der bestmöglichen Qualität herzustellen: Es muss beim ersten Mal schmecken! Erst wenn wir die technologischen Voraussetzungen dafür geschaffen und erprobt haben, gehen wir in die Produktion und in den Markt. Auch eine zweite Voraussetzung muss erfüllt sein: das Ergebnis muss reproduzierbar sein – das Produkt muss ohne Qualitätsschwankungen auch ein zweites Mal ganz genauso herstellbar sein. Das bedeutet, dass alle Prozesse im Vorfeld entsprechend eindeutig beschrieben sein müssen. Innovation um jeden Preis ist daher nicht unsere Sache, die beiden Grundsätze: „technologische Voraussetzungen für bestmögliche Qualität“ und „Reproduzierbarkeit“ kommen zuerst. 

Berchtold: Kann man einen innovativ ausgerichteten Mitarbeiter erkennen? Woran?

Schaller: Auf jeden Fall! Früher war eher eine Haltung bei den Mitarbeitern verbreitet wie: „Bleibt mir mit Änderungen bloß fern!“ Änderungen bedeuten Aufwand, Änderungen sind unbequem. Wenn Mitarbeiter jedoch erfahren haben, dass Veränderungen gut für das Unternehmen sind – und damit auch gut für sie! –, lernen sie mit Veränderungen positiv umzugehen, ja bestenfalls freuen sie sich darauf, dass wieder etwas Neues kommt. Und daran erkenne ich einen für Wandel aufgeschlossenen Mitarbeiter: An der Lust Neues auszuprobieren! Ich höre und sehe es gern, wenn Mitarbeiter neugierig sind und viele Fragen stellen. Außerdem ist es dann auch Ihr Erfolg, wenn etwas Neues erfolgreich wird. Bei meinen Mitarbeitern sehe ich, dass sie in diesem Sinne schon gewöhnt sind an Veränderungen.

Berchtold: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hindernisse für Innovationen?

Schaller: Ängste. Zuerst die Angst: Wie läuft es weiter nach der Veränderung? Zu große Vorsicht: Was sind die Risiken? Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass eine gründliche Risikoabschätzung notwendig ist: Man kann ein Unternehmen auch ruinieren, wenn man zu innovativ ist! Es muss schon erkennbar bleiben, wofür man eigentlich der Spezialist ist.
Was sich beinahe von selbst versteht: Es müssen natürlich auch ausreichende finanzielle Mittel für Innovationen zur Verfügung stehen bzw. gestellt werden.

Berchtold: Was muss eine Führungskraft unbedingt können, um Innovationen voranzutreiben?

Schaller: Zuallererst die Mitarbeiter frühzeitig in die Veränderungen einbinden, die Hintergründe erklären, verdeutlichen, warum wir uns jetzt verändern müssen. Dann Ängste nehmen – die Entwicklungen müssen auf den jeweiligen Arbeitsplatz des einzelnen Mitarbeiters herunter gebrochen werden, es muss mit dem Mitarbeiter besprochen werden, wie sich die Veränderungen auf seinen Arbeitsplatz auswirken könnten und wie das für ihn zu bewältigen sein wird. Der dritte Punkt: Die Führungskraft muss selber hinter den Veränderungen stehen – und zwar bis in die Nebensätze! – und sie vorleben. Ohne Glaubwürdigkeit geht gar nichts! Wenn Braumeister alkoholfreies Bier als „kastriertes Bier“ bezeichnen, dann wird der Einstieg in diesen Markt nicht gerade beflügelt!

Berchtold: Schauen wir auf Ihren Bereich innerhalb des Unternehmens, auf die Produktion selbst. Was tun Sie als GF, um einen „innovationsfreundlichen Boden“ zu bereiten?

Schaller: Ich pflege einen direkten Kontakt über alle Hierarchieebenen hinweg: Ein häufiger, offener Austausch, in dem jede Meinung zugelassen ist, ist eine gute Voraussetzung. Ich sage immer: Es gibt keine dummen Fragen, allenfalls dumme Antworten! Jeder Beitrag ist wertvoll, auch der, der nicht umgesetzt werden kann. Er hilft zumindest dabei, etwas auszuschließen, mit dem man sich dann nicht mehr beschäftigen muss und trägt dadurch dazu bei, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können.
Ich laufe voraus – ich nehme die Vorbildfunktion ernst. Ich fördere die Beschäftigung mit Neuem: Wir stellen Fachzeitungen zur Verfügung, wir fördern Messebesuche, ermuntern zu Weiterbildungen und Seminaren. Das hilft, ein besseres Verständnis für die Neuerungen zu entwickeln. Ich habe einen Blick darauf, was neu ist in der Wissenschaft, in der Energiewirtschaft, bei den Zulieferern und was wir dort sehen, muss jeweils geprüft werden: Was ist nachhaltig? Was passt zu unserem Unternehmen? Welche Technologie erfüllt unsere Qualitätsansprüche?

Berchtold: Sind Sie privat eher offen für „Innovationen“? Ist Innovationsbereitschaft Ihrer Meinung nach eher eine Charaktereigenschaft oder ein Verhalten? Anders gefragt: Kann man Innovationsbereitschaft lernen?

Schaller: Ich glaube, ich bin privat nicht viel anders als im Unternehmen. Ich hatte und habe großes Interesse an neuen Technologien, ich habe frühzeitig mit den Vorläufern des PC experimentiert, interessiere mich für neue Software etc. Kurz: Ich interessiere mich für die ganze Welt!
Allerdings würde ich nicht sagen, dass das eine Charaktereigenschaft ist. Ich glaube, ich habe das eher in meinem beruflichen Werdegang gelernt – ich habe mir immer wieder die Frage gestellt: Was muss ich lernen, um morgen noch dabei sein zu dürfen? Ich habe solche Anforderungen oder Neuerungen niemals als Bürde gesehen, sondern immer als Chance. „Geht nicht gibt’s nicht“ sagen wir häufig im Unternehmen und das sehe ich ganz genauso. Wenn der Mensch auf dem Mond landen kann, dann gibt es hier unten nichts, was er nicht tun könnte: Es ist stets nur eine Frage, wie lange es dauert, um es umzusetzen und ob sich der Aufwand dafür lohnt – aber machbar ist alles. Leidenschaft braucht man natürlich auch noch, um etwas voranzutreiben – ich glaube, ohne Leidenschaft geht gar nichts, mit Leidenschaft alles. Natürlich darf man bei aller Leidenschaft nicht aus dem Blick verlieren, was dem Unternehmen nützt!
Ich hatte die Chance, in meiner nun schon 28jährigen Tätigkeit im Unternehmen eine traditionelle Brauerei zu einer hochmodernen Produktionsstätte mit etwa dem 6- bis 7fachen Ausstoß weiter zu entwickeln – in diesem Prozess habe ich unendlich viel gelernt!

Berchtold: Zum Abschluss bitten wir Sie um ein Bild, eine Metapher: Innovation ist wie ...

Schaller: die beständige Frage: Was kann ich anders oder besser machen? Immer wieder kritisch zu hinterfragen scheint mir eine unerlässliche Voraussetzung für Innovation oder Wandlungsfähigkeit.

Berchtold: Ich bedanke mich für das Gespräch.
Heike Stark, Berchtold Consulting