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Die Krähe

Die Krähe war das Ende unseres betrieblichen Gesundheitsprogramms. Traditionell ein Unglücksvogel, man hätte vorsichtiger sein müssen.
Begonnen hatte alles mit einer externen Beratung und der anschließenden Begeisterung unseres Chefs für die gemeinsame gesundheitliche Vorsorge in der Abteilung. Wir waren verblüfft; wir kannten unseren Chef bis dato eher pragmatisch mit einer ausgeprägten „Stellt-Euch-nicht-so-an-was-glaubt–Ihr-wie-die-in-China-arbeiten-wo-unsere-Arbeitsplätze-auch-bald–hinwandern-werden-wenn-ihr–nicht-endlich“-- Haltung. Und jetzt das!
 
Herr Klöpfel wurde zum Gesundheitsbeauftragten ernannt – eine Funktion, die er eher widerwillig begrüßte. Kein Wunder – wir alle hatten von ihm den Eindruck gewonnen, dass seine persönliche work-life-balance schon lange mehr in Richtung „life“ statt „work“ ausschlug. Daher überraschte uns sein schnell wachsendes Engagement: Unser bis dahin eher schlichter Pausenraum bekam eine lichtgelbe Farbe und die ausrangierten Bürostühle wurden durch 30 neue Matten ersetzt. Zweimal die Woche sollte jetzt hier ein Abteilungstreffen mit Yoga-Übungen stattfinden: „Zur Gesunderhaltung der Belegschaft und zur Stärkung des Wir-Gefühls – das hebt die Motivation!“, wie Herr Klöpfel verlauten ließ.

Angetan mit „bequemer Kleidung“ und skeptisch bis erwartungsvoll versammelte sich die Abteilung am Montag erstmalig auf den Matten. Eine glutäugige, ranke Schönheit mit eindeutig indischem Migrationshintergrund (wenn auch starkem sächsischen Akzent, der das Erscheinungsbild in manchen Augen etwas relativierte) begrüßte uns als unsere zukünftige Gesundheitsbegleiterin. Wir starteten mit einem gesungenen Mantra. Manche wirkten nicht, als würde ihnen dieser Morgenstart schnell geläufig werden – die Herren Ulf und Rieber schienen bereits nach diesen ersten Minuten überaus widerständig. Andere wiederum beteiligten sich geradezu inbrünstig, zu unser aller Verwunderung ganz vorne dran der sonst eher phlegmatische Kollege Klöpfel.

Dann ging es richtig los: Wir wechselten vom Sonnengruß – einer Abfolge geschmeidig auszuführender rascher Bewegungen, bei der wiederum der Klöpfel besonders hervorstach, diesmal durch absolut fehlende Körperbeherrschung – zum hinabschauenden Hund. Die dreißig im Vierfüßlerstand emporgereckten Gesäße der Abteilung brachten eine ganz neue Perspektive auf die Kolleginnen und Kollegen und schufen eine unerwartete Nähe.

Wir hielten zwei Monate durch – jeden Montag, jeden Freitag. Die Übung Katze-Kuh hatte sich schnell zum Renner entwickelt – nirgends sonst gelang es der Abteilung, dermaßen im Gleichklang zu atmen. Der Gesundheitsbeauftragte zeichnete sich durchgängig durch eine erstaunliche Unbeweglichkeit aus, was seine Sympathiewerte bei den Kolleginnen und Kollegen steigerte: Wir bewunderten sein Durchhaltevermögen in einem Metier, für das er so offensichtlich völlig ungeeignet war.

Das Ende kam an einem Freitag, den 13. (wahrscheinlich nur ein Zufall): Die Sachbearbeiterin Frau Klein-Mergenthaler, die sich mit stetig zunehmender Verve in das Morgenritual eingebracht hatte, hievte sich in die „Krähe“, in der das eigene Gewicht in gehockter Stellung einzig und allein auf den gespreizten Fingern beider Hände ruht. Der entzückt gekeuchte Ausruf „Ich kann’s“ sollte für längere Zeit das letzte sein, was wir von ihr hörten: Durch unglückliche Verlagerung des Schwerpunktes fiel sie nach vorne und schlug mit dem Kinn direkt neben der Matte auf das Laminat auf. Der Verlust eines Zahnes sowie eine blutende Platzwunde, die mit dreizehn (!!) Stichen genäht werden musste, brachte ihr eine Krankschreibung von zwei Wochen ein.

Unsere schöne Gesundheitsbegleiterin, die voller Aufregung ob des Unfalls die Hände rang, wurde vom Kollegen Klöpfel auf eine Art und Weise getröstet, die sein bisheriges Engagement rückwirkend in völlig neuem Licht erscheinen ließ: Gesundheitsbeauftragter und Yogalehrerin verabschiedeten sich im Anschluss in einen gemeinsamen zweiwöchigen Erholungsurlaub, um „den Schock zu verarbeiten“, wie es hieß.
Wir anderen warten nun mit Spannung auf die Fortführung der Maßnahmen zur Gesunderhaltung der Belegschaft – eine echte Bereicherung des Arbeitsalltags, so viel ist mal sicher!

Heike Stark, April 2012